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Qualitätssicherung und die veränderte Rolle der traditionellen Informationsanbieter

Seit einiger Zeit wird ein beachtlicher Teil an aktuellen Preprints in einigen Fachgebieten vornehmlich der Theoretischen Physik in preprint-servern angeboten, z.B. in [11]. Die Erfahrungen im Routinebetrieb zeigen aber, daß die ungehemmte elektronische Veröffentlichung ohne die traditionellen Rezensionen und Diskussionen, wie wir sie vom Gutachtersystem der Zeitschriften gewohnt sind, oft eher zur Verwirrung als zur aktuellen Information beitragen mögen. Auch bei der Nutzung elektronischer Kanäle ist also das wissenschaftliche Veröffentlichungswesen auf die traditionellen inhaltlichen Bewertungen angewiesen [12].

Ein offenes elektronisches Informationssystem muß also so strukturiert werden, daß die Qualität der im Netz angebotenen Informationen der klassischer wissenschaftlicher Literatur nicht nachsteht. Das ist nur erreichbar, wenn die erarbeiteten Normen von allen im Netz verbundenen Informationsanbietern übernommen und konsequent angewendet werden, und wenn dies auch vom Benutzer kontrolliert werden kann. Ein Standard kann etwa in der Anwendung eines Klassifikationssystems liegen, in dem der Stellenwert des jeweiligen Beitrags qualifiziert wird. Darin muß zum Beispiel erkennbar sein, ob und wo eine Publikation eingereicht, bereits begutachtet, angenommen oder schon gedruckt ist. Dissertationen, Diplomarbeiten und ähnliche Berichte sind mit Informationen über deren Annahme, Freigabe und ggf. Begutachtung zu versehen. Jeder Leser soll die Möglichkeit erhalten, seine Anmerkungen oder Kommentare an eine Arbeit zu heften, die wiederum allen künftigen Benutzern zugänglich sein muß. Die Information darüber soll auch in die Klassifikation aufgenommen und so einem Retrieval-Mechanismus zugänglich sein. Damit bleibt es dem Benutzer überlassen, ob er ausschließlich nach referierten und damit älteren Arbeiten oder auch nach den neuesten und noch nicht begutachteten Beiträgen recherchieren will.

Zur Qualitätssicherung gehört auch die Vertiefung eines lebendigen Dialogs mit allen traditionell im Bereich der elektronischen Fachinformation tätigen Institutionen. Daraus sind vor allem Impulse zu erwarten für die Entwicklung und Anwendung neuartiger Retrieval-Instrumente und -Methoden. So ist der wechselseitige Datenaustausch mit den verteilten Informationsanbietern erforderlich, indem diese ihre Elemente geeignet klassifiziert und indiziert dem zentralen Datenbankproduzenten (z.B. dem FIZ Karlsruhe für die Datenbank PHYS) zur Verfügung stellen. Das FIZ nimmt dafür dann im Gegenzug auch den Hinweis auf die Fundstelle des Volltextes, der Graphiken und anderer Daten in die zentrale Datenbank auf.

Aber auch Qualität und Leistungskraft der bestehenden ,,klassischen`` Fachinformationsdienste werden durch das Vorhaben besser ausgenutzt, da mit deren voller Integration in das neuartige Informationssystem der Zugang erleichtert und verbessert werden muß. Voraussetzung wird allerdings sein, daß sich das FIZ nicht weiter gegen die Einbindung von Datenbankrecherchen in die Internet-Werkzeuge stellt. Einer Beteiligung an einem offenen Informationssystem steht bislang noch das nutzungsabhängige Abrechnungsverfahren prinzipiell im Wege. Hier ist der sich immer weiter verbreitende Abschluß von Festpreisabkommen (Campus-Lizenzen für das komplette Datenbank-Spektrum des STN) möglicherweise ein erster Schritt zu einem neuen Finanzierungssystem. Nicht nur neue Finanzierungs- und Kooperationsmodelle müssen entwickelt werden, sondern auch ein organisatorischer Rahmen für die Mitwirkung der Wissenschaftler bei der Qualitätssicherung in der Produktion der Datenbanken sowie die Reorganisation des FIZ-Benutzer-Services und ihre Ausrichtung auf die veränderten Anforderungen.

Das Vorhaben ist auch ein Feldversuch für Fragen des elektronischen Publizierens, das vor allem einer Beschleunigung des Publikationsprozesses dient, denn das klassische Publikationswesen ist gerade dann hoffnungslos überfordert, wenn nach herausragenden neuen Entdeckungen eine hektische Forschungsaktivität und ein harter Konkurrenzkampf zwischen den Forschergruppen einsetzt, und eine besonders schnelle Publikation erforderlich wäre. Anhand von Beispielen eines elektronischen Handbuchs, Lehrbuchs oder elektronischer Zeitschrift sollen neue Formen der Kooperation zwischen Autoren, Vermittlern, Gutachtern und Nutzern von Fachliteratur entwickelt und erprobt werden. Insbesondere zu den auch im elektronischen Publikationsprozeß erforderlichen und in bewährter Weise konkurrierenden Gutachtersystemen müssen Organisationskonzepte entwickelt werden. Gemeinsam mit den wissenschaftlichen Verlagen muß auch über die Einbindung ihrer Zeitschriften und Bücher in das Informationssystem nachgedacht werden,

Schließlich ist das Vorhaben mit der elektronischen Bereitstellung auch älterer Literatur ein Beitrag zum Wiederauffinden von ,,verschollenem Wissen``, was einerseits Forschung und Lehre in der Geschichte der Naturwissenschaften unterstützt, andererseits auch mithelfen kann, Forschungs- und Entwicklungsmittel dort einzusparen, wo vormals abgebrochene Vorhaben oder Ideen nun mit neuen Techniken erfolgsversprechender wiederaufgenommen werden können.



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