Meine Damen und Herren,
zunächst möchte ich den
Gastgebern und Organisatoren dieser Veranstaltung für die Gelegenheit
danken, an dieser Stelle über einige Aktivitäten der Deutschen
Forschungsgemeinschaft im Bereich Elektronische Publikationen und damit auch
Elektronische Zeitschriften berichten zu können.
Im folgenden möchte ich drei Bereiche ansprechen:
Ich nehme an, vielen von Ihnen ist die DFG als eine der wichtigsten
forschungsfördernden Institutionen in Deutschland bekannt. Möglicherweise
sind Sie aber nicht alle mit Art und Umfang der Bibliotheksförderung durch
die Deutsche Forschungsgemeinschaft vertraut. Deshalb möchte ich mit ein
paar kurzen allgemeinen Bemerkungen beginnen und einige Rahmenbedingungen
skizzieren, die im Kontext 'Elektronische Zeitschriften' aus Sicht der DFG mit
zu berücksichtigen sind.
Als zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung und
Hochschulforschung in Deutschland unterstützt die Deutsche
Forschungsgemeinschaft Projekte in allen Zweigen der Wissenschaft. Daneben fördert
die DFG auch Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur für die
Forschung. Hierzu zählen
Die Unterstützung wissenschaftlicher Bibliotheken durch die DFG erfolgt also immer im Kontext der Forschungsförderung. Daher sind in den zuständigen DFG-Gremien, dem Bibliotheksaussschuß und seinen Unterausschüssen, sowohl Bibliothekare als auch Wissenschaftler vertreten. Beantragte Förderprojekte werden hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Wissenschaft und der Verbesserung der Informations-Infrastruktur begutachtet.
Die Förderung wissenschaftlicher Bibliotheken, die übrigens seit ihrer Gründung als Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zu den Aufgaben der DFG zählt, umfaßt mittlerweile fünf Bereiche:
Es handelt isch insgesamt um Maßnahmen zur Verbesserung der
Informationsbereitsstellung und -vermittlung.
Die Mittelverteilung auf die einzelnen Förderbereiche stellt sich für das Jahr 1997 wie folgt dar:
Förderung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens 1997
Der größte Anteil entfällt auf die überregionale Literaturversorgung, d.h. auf den Ausbau der Bestände der Sammelschwerpunktbibliotheken - auf collection development sozusagen. Die konkreten Fördermaßnahmen erfolgen innerhalb dieser Bereiche in entsprechenden Förderprogrammen. Zu jedem Programm gibt es in der Regel einen Gutachterausschuß (ein Unterausschuß des Bibliotheksauschusses), der regelmäßig tagt und über Anträge und Projektberichte berät. Zu den Förderprogrammen hier eine Übersicht:
Förderung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens 1997
Ausgaben insgesamt: DM 36.358 Mio
1. System der überregionalen Literaturversorgung
16.979
Sondersammelgebietsprogramm
13.252
Spezialbibliotheken von überregionaler Bedeutung
2.332
Ausbau von Spezialbeständen in wissenschaftlichen Bibliotheken der neuen Länder
270
Tausch
747
Bestellung und Lieferung von Dokumenten
302
Dokumentlieferdienst Japan
75
2. Überregionale Literaturerschließung
5.566
Normdateien
303
Zeitschriftendatenbank
1.801
Erschließung von Altbeständen
2.112
Spezialbestände
1.350
3. Erschließung alter und wertvoller Bestände
8.138
Handschriften
2.744
Inkunabeln
327
Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jh.
242
Verzeichnung vom im deutschen Sprachraum erschienenen Drucken des 17. Jh.
1.325
Historisch wertvolle Kartenbestände
209
Nachlässe
1.520
Buch- und bibliotheksgeschichtliche Quellen
376
Überregionale Vorhaben der Archive
1.395
4. Bestandserhaltung
272
5. Verteilte Digitale Forschungsbibliothek
5.237
Modernisierung und Rationalisierung
1.538
Elektronische Publikationen im Literatur- und Informationsan- gebot wissenschaftlicher Bibliotheken
720
Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen
2.979
6. Sonstige Vorhaben
166
Von der verausgabten Summe 36.358 Mio DM enfielen
- 18,07 Mio DM (49,7 %) auf Personalkosten
- 15,81 Mio DM (43,5 %) auf Erwerbung von Literatur
- 0,02 Mio DM ( 0,1 %) auf Gerätekosten
- 2,16 Mio DM ( 5,9 %) auf sonstige Sachkosten
- 0,29 Mio DM ( 0,8 %) auf Reisekosten
Ankauf von Spezialsammlungen aus Sondermitteln des Stifterverbandes
632
Buch- und Zeitschriftenspenden der DFG an ausländische wissenschaftliche Institute aus Sondermittel des Bundes
2.720
2. Neue Schwerpunkte in der DFG-Bibliotheksförderung
Auf seiner Frühjahrssitzung im März 1997 hat sich der
Bibliotheksausschuß dafür ausgesprochen, zukünftig in zwei
Bereichen der Bibliotheksförderung stärkere Akzente zu setzen:
Im Bereich der überregionalen Literaturversorgung hat die Vereinigung
der beiden deutschen Staaten zu veränderten Bedarfsanforderungen geführt
und eine entsprechende Ressourcenverteilung notwendig gemacht. Ein Ergebnis ist
die Einbeziehung der wissenschaftlichen Bibliotheken der neuen Bundesländer
in das System der überregionalen Literaturversorgung durch die Verlagerung
bzw. Neueinrichtung von Sondersammelgebieten seit dem 1. Januar 1998. Diese Veränderungen
stehen natürlich in engem Zusammenhang mit wissenschaftspolitischen
Empfehlungen zur Integration und Weiterentwicklung der Forschungs- und
Hochschulstrukturen im vereinten Deutschland.
Eine Weiterentwicklung ist
allerdings auch hinsichtlich des Aufgabenspektrums der
Sammelschwerpunktbibliotheken erforderlich. Hier sind zu nennen
Was die Informationsversorgung betrifft, so sind elektronische Publikationen in
Form von CD-ROMs bereits jetzt Teil der Beschaffungmaßnahmen. In welchem
Umfang und zu welchen Konditionen zukünftig auch elektronische
Zeitschriften berücksichtigt werden können und sollen, ist zur Zeit
noch offen. Ich komme darauf später noch zurück.
Dem schnellen
Wandel der Informationstechniken, der neue Kommunikations- und
Publikationsformen mit sich bringt, trägt der neue Förderbereich
'Verteilte Digitale Forschungsbibliothek' Rechnung. Hier sollen innovative
Entwicklungen unterstüzt werden - für die allerdings auch die
entsprechenden Fördermittel bereitgestellt werden müssen. Mit Unterstützung
des Direktoriums der DFG ist es uns in der Geschäftsstelle im vergangenen
Jahr gelungen, hierfür Sondermittel zu erhalten. Wenn wir den Schwung - das
'momentum' - in diesem Bereich erhalten wollen, sind neue Akzente in der
Bibliotheksförderung notwendig. Der Bibliotheksausschuß hat sich
hiermit befaßt und sich für eine Zurücknahme der Förderung
insbesondere bei Erschließungsprogrammen ausgesprochen.
'Elektronische Zeitschriften' sind dem DFG-Föderbereich 'Verteilte Digitale
Forschungsbibliothek' zugeordnet und hier insbesondere dem Förderprogramm
'Elektronische Publikationen im Literatur- und Informationsangebot
wissenschaftlicher Bibliotheken. Doch nicht nur hier werden die E-journals als
Gegenstand von Förderprojekten eine wichtige Rolle spielen.
3. Elektronische Zeitschriften und die DFG-Bibliotheksförderung
3.1 Stellungnahme des Bibliotheksausschusses
Elektronische Zeitschriften sind mit Blick auf die Bibliotheksförderung durch die DFG gleich in doppelter Hinsicht von Bedeutung:
Der Bibliotheksausschuß hat sich im vergangenen Oktober eingehend mit dem Thema 'Elektronische Zeitschriften' befaßt und festgestellt, daß
"angesichts der sich abzeichnenden Bedeutung elektronischer Publiktionen im Kontext der überregionalen Literaturversorgung [...] die Erprobung adäquater Bezugs-, Bereitstellungs- und Nutzungsformen dringlich [sei]. In Anbetracht eines Servicespektrums, das Nutzungskontingente, Standard- bzw. Konsortiallizenzen, Dokumentlieferung und Fernleihe umfaßt, kämen dabei Analysen des Kosten-/Nutzungsverhältnisses unter fächer- und nutzungsspezifischen Aspekten wesentliche Bedeutung zu".
"Wegen der Bedeutung elektronischer Publikationen für die Literaturversorgung insgesamt und der Besonderheiten ihrer Bezugs- und Nutzungskonditionen spricht sich der Bibliotheksausschuß dafür aus, den Meinungsaustausch darüber zwischen Anbietern und Verlagen, Bibliothekaren und Wissenschaftlern bzw. Fachgesellschaften voranzutreiben."
Ziel muß dabei sein, "tragfähige Vertriebs- und Nutzungsmodelle für elektronische Publikationen konstruktiv zu erörtern."
Tragfähig, so ließe sich hier ergänzen, insbesondere auch in
finanzieller Hinsicht angesichts der schwierigen Etatsituationen der
wissenschaftlichen Bibliotheken (Preissteigerungen, Kaufkraftverluste durch die
ungünstigen Wechselkursverhältnisse gerade im anglo-amerikanischen
Raum).
Nach der ersten Veranstaltung in Göttingen Anfang Dezember
bietet dieses Folgekolloquium heute und morgen eine weitere Gelegenheit zum
Meinungsaustausch. Diese Gelegenheit sollten wir nutzen - und zwar konstruktiv.
Denn ansonsten läßt sich der Aufwand, den diese Veranstaltung in
verschiedener Hinsicht erfordert, wohl kaum rechtfertigen.
3.2 Modellvorhaben
Derzeit ist zu beobachten, daß in einigen Regionen der deutschen
'Bibliothekslandschaft' Modelle erprobt werden, den Bibliotheksnutzern auch
elektronische Zeitschriften anzubieten. In anderen Regionen stehen m.W. die
Vertragspartner noch in Verhandlungen. Für die Wissenschaftler an den
verschiedenen Hochschulstandorten besteht hier durchaus die Gefahr der
Chancenungleichheit bezüglich der Informationsversorung. Es ist keineswegs
ausgeschlossen, daß sie bei elektronischen Zeitschriften lokal und
regional sehr unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten und -konditionen
vorfinden werden. Und es ist ebensowenig ausgeschlossen, daß die
Profilbildung der Hochschulen, ihre Attraktivität für Forschende,
Lehrende und Lernende zukünftig zu einem erheblichen Teil auch von der
Informationsversorgung an der jeweiligen Hochschule abhängen wird. Im
Mikro-Kosmos eines Campus - und nicht nur im Sinne des von Dietrich Schwanitz
be- und erschriebenen und inzwischen verfilmten 'Campus' - spielt die schnelle
Bereitstellung von Informationen eine zentrale Rolle, ebenso der freie Zugang zu
Informationsquellen. Der Umgang mit diesen Ressourcen - das
Informations-Management - könnte bereits in nicht allzu ferner Zukunft zu
einem der Schlüsselfaktoren für die Weiterentwicklung einer Hochschule
werden.
In der DFG-Geschäftsstelle verfolgen wir die aktuellen
Entwicklungen an den Hochschulen insbesondere an ihren Bibliotheken mit großer
Aufmerksamkeit. Anlaß zur Sorge geben schon seit einiger Zeit die
stagnierenden Etats an Bibliotheken. Und Zeitschriften in elektronischer Form
bieten hier zur Zeit keine finanziellen Entlastung. Im Gegenteil: die von
Anbieterseite geschnürten Pakete von Zeitschriften in gedruckter und
elektronischer Form bedeuten zunächst einmal eine stärkere finanzielle
Belastung. Bibliotheken bezahlen doppelt für Informationen sozusagen in
zweierlei Format: analog und digital. Und auf dem vorangegangenen Göttinger
Kolloquium Anfang Dezember letzten Jahres konnte man von Verlagsseite hören,
daß Preisreduzierungen im Grunde erst dann zu erwarten seien, wenn
gedruckte Zeitschriften völlig durch elektronische Formen ersetzt worden
sind. Dies aber stehe keineswegs unmittelbar bevor, so die ergänzende
Auskunft. Ob elektronische Zeitschriften ihre gedruckten 'Vorformen' vollständig
ablösen werden, unter welchen Voraussetzungen etwa, bei welchen
Rahmenbedingungen - finanziellen, hard- und software-mäßigen - ,
scheint derzeit noch offen.
Ebenfalls mit Interesse beobachten wir die
Intiativen einzelner Wissenschaftler und einiger Fachgesellschaften. Es wird
nicht unerheblich sein, welche Rolle/n sie zukünftig einnehmen wollen - und
dauerhaft einnehmen werden im Bereich der wissenschaftlichen Kommunikation und
Publikation. Vielleicht werden dabei derzeitige Entwicklungen in Nordamerika
bald auch auf Deutschland Einfluß nehmen. Der transatlantische Blick z.B.
von SPARC (the Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition) ist
vorhanden - und insbesondere die ARL (the Association of Research Libraries) ist
in diesem Zusammenhang auf der Suche nach europäischen Partnern.
Offen und unbeantwortet ist auch ein ganzes Bündel von Fragen bezüglich einer überregionalen, bundesweiten Bereitstellung von elektronischen Zeitschriften im Rahmen der von der DFG geförderten Sondersammelgebiete.
Um mögliche Antworten zu finden und Lösungsmodelle zu erproben, wollen sich die Bayerische Staatsbibliothek München, die Technische Informationsbibliothek Hannover und die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf mit dieser Thematik unter überregionalen Gesichtspunkten näher befassen und haben inzwischen Anträge auf Förderung entsprechender Modellprojekte vorgelegt.
Die BSB München als große Sammelschwerpunkts-Bibliothek wird sich in diesem Zusammenhang auf geisteswissenschaftliche und die TIB Hannover als Zentrale Fachbibliothek auf naturwisssenschaftlich-technische Fächer konzentieren. Die UuLB Düsseldorf wird sich mit dem Bereich Abdeckungsgrad von Literaturgrund- und Spitzenversorgung sowie Bereitstellungsmöglichkeiten und Nutzungsverhalten an einem Hochschulstandort bzw. einer Region befassen.
Der zuständige Unterausschuß 'Elektronische Publikationen im Literatur- und Informationsangebot wissenschaftlicher Bibliotheken' hat auf seiner letzten Sitzung Anfang Februar ausführlich über diese Anträge beraten und die Förderung der geplanten Projekte zur Bewilligung empfohlen. Da eine abschließende Entscheidung durch den Hauptausschuß der Deutsche Forschungsgemeinschaft noch aussteht, kann ich Ihnen an dieser Stelle - wie Sie sicher verstehen werden - keine Details nennen. Sobald das Verfahren abgeschlossen ist, werden Sie nähere Projektinformationen auf unserer Website 'Digitale Bibliotheken' finden unter
http//www.dbi-berlin.de/projekte/d_lib/d_lib_00.htm
Heute läßt sich zumindest sagen, daß folgende Aspekte bei
diesen Vorhaben von Bedeutung sein werden:
Auf der Grundlage der Ergebnisse der von der BSB München, der TIB Hannover und der UuLB Düsseldorf durchgeführten Modellprojekte können dann Überlegungen bezüglich einer Erweiterung/Veränderung des Sammel- bzw. Beschaffungsauftrags der überregionalen Sammelschwerpunktbibliotheken folgen.
Von Bedeutung für die zukünftige Bereitstellung elektronischer Zeitschriften sowohl auf überregionaler wie auch auf regionaler Ebene werden sicherlich sein:
Zu diesem Zeitpunkt führen Überlegungen in diesem Bereich noch nicht weiter, da sie sich nur auf Annahmen und Vermutungen stützen können. Zunächst wird sich die Einbeziehung elektronischer Publikationen auch weiterhin auf CD-ROMs beschränken, die seit 1996 Bestandteil des Beschaffungsauftrags der Sondersammelgebietsbibliotheken sind.
Ziel ist es natürlich, Bestandsdichte und Medienvielfalt der überregionalen Sammelschwerpunktbibliotheken (Sondersammelgebietsbibliotheken und Zentralen Fachbibliotheken sowie Spezialbibliotheken) auch weiterhin und dauerhaft zu gewährleisten. Damit wird natürlich die Frage eine gewichtige Rolle spielen, wie es sich bei elektronischen Zeitschriften mit dem Bestandsausbau verhalten wird, ob Finanzmittel in den Erwerb von Zugriffskontigenten investiert werden sollen zu Lasten des Bestandsausbaus.
Lassen Sie mich zum Schluß noch einmal betonen, daß die DFG (-Geschäftsstelle) keine Richtlinien für die Integration von elektronischen Zeitschriften in das Servicespektrum wissenschaftlicher Bibliotheken vorgibt. So groß der Wunsch bei dem ein oder anderen auch sein mag angesichts der raschen und dynamischen Entwicklungen im Bereich elektronischer Publikationen.
Ob elektronische Zeitschriften die Zukunft des wissenschaftlichen Publikationswesens sind? Mit dieser Frage werden wir uns später bei der geplanten Podiumsdiskussion noch auseinandersetzen. Und vermutlich wird uns diese Frage noch einige Zeit begleiten, bis wir zu einer klaren und abschließenden Antwort kommen.
Auch in nächster Zeit sind weitere Gespräche wohl erforderlich. Was die DFG tun kann, bereits getan hat und auch weiterhin tun wird, ist, Rahmenbedingungen zu schaffen für Gespräche zwischen Wissenschaftlern - Bibliothekaren - Verlegern bzw. Vertretern von Verlagsgruppen - Vertretern von Fachgesellschaften. Denn Gespräche zwischen allen Beteiligten sind auch weiterhin sinnvoll und hoffentlich hilfreich.
Allerdings können sie die ebenfalls erforderlichen Verhandlungen über Verträge nicht ersetzen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit