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Neues zum Thema IuK

Martin Grötschel
Konrad-Zuse-Zentrum und Technische Universität Berlin

Die Entwicklung im Bereich elektronischer Information und Kommunikation (IuK) geht rasanter voran, als sich das irgend jemand vorstellen konnte. IuK ist sogar bereits ein vielbeachtetes Thema der Tages- und Wochenpresse geworden. Ich will hier kurz über die neuesten, für die Mathematik relevanten Geschehnisse berichten.

Am 16. Januar 1995 trafen sich Vertreter der DMV, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und der Gesellschaft für Informatik (GI) in Kassel und erzielten Einigung über eine Kooperationsvereinbarung zur elektronischen Information und Kommunikation. Diese Kooperationsvereinbarung wurde dann im Laufe des Frühjahrs 1995 von den Vorständen/Präsidien der vier Fachgesellschaften akzeptiert und von den Vorsitzenden/Präsidenten unterschrieben. Sie finden den Wortlaut der Kooperationsvereinbarung in diesem Heft der DMV-Mitteilungen zu Ihrer Information.

In der Kooperationsvereinbarung werden die gemeinsamen Tätigkeiten und Aufgaben beschrieben und die Ziele der Kooperation auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene festgelegt. Die fachspezifischen Bedürfnisse der beteiligten Disziplinen sind unterschiedlich. Dementsprechend ist der Text ein Kompromiß verschiedener Vorstellungen. In der Chemie hat Fachinformation, um ein Beispiel zu nennen, einen viel höheren Stellenwert als in der Mathematik. Hier werden über Millionen chemischer Verbindungen komplexe Informationen erstellt, und es ist keinesweges klar, wie diese ``vernünftig'', übersichtlich und einfach abrufbar abzuspeichern sind und wie die Suche nach bestimmten Eigenschaften organisiert werden kann. Fachinformation entwickelt sich hier, wie von den Kollegen aus der Chemie eindrucksvoll dargestellt wurde, zu einem eigenen Lehr- und Forschungsgebiet. Dies ist in der Mathematik nicht so. Wir werden sicherlich keine Lehrstühle für diesen Themenbereich anstreben.

Die Kooperationsvereinbarung ist kein Text für den Vertragsfriedhof. Sie ist bereits mit intensivem Leben erfüllt worden. Ich will hier nur einige gemeinsame Aktivitäten nennen.

DMV, DPG, GDCh und GI haben am 9. und 10. März in Berlin (lokale Organisation durch die DMV und das Konrad-Zuse-Zentrum) ihren ersten gemeinsamen Workshop zum Thema ``Neue Wege der wissenschaftlichen Information und Kommunikation'' durchgeführt. Hier prallten die Meinungen der verschiedenen ``Spieler'' im Markt des Publizierens hart aufeinander. Alle Beteiligten haben viel voneinander gelernt. Der nächste gemeinsame Workshop zum Thema IuK wird Anfang April 1996 in München stattfinden und von der GI organisiert.

Am 17. Mai hat sich bei einer Sitzung in Berlin die in Punkt 2.2 der Vereinbarung vorgesehene IuK-Kommission konstituiert. Die DMV hat als ihre Vertreter K. Bierstedt (Paderborn) und M. Grötschel (TU und ZIB Berlin) sowie U. Zimmermann (Braunschweig) als Stellvertreter benannt. Die mathematischen Fachbereiche haben durch ihre Fachinformationsbeauftragten die Herren L. Boltze (Halle), R. Schwänzl (Osnabrück) sowie als Stellvertreter M. Schäffter (TU Berlin) in diese Kommission gewählt. M. Grötschel wurde von den Vertretern der vier Gesellschaften zum Vorsitzenden der gemeinsamen IuK-Kommission gewählt. Diese Sitzung hat nach intensiver Diskussion unter anderem Einigung über das gemeinsame weitere Vorgehen gegenüber dem BMBF erbracht. Mitglieder der Kommission haben beratend bei der Erstellung des Programms der Bundesregierung ``Information als Rohstoff für Innovation'' für die Jahre 1995 - 2000 mitgewirkt, das den Rahmen für die Förderanträge der vier Gesellschaften im Bereich IuK bilden wird. Dessen Rohfassung ist am 19. Mai erschienen.

Die DMV hat die erste Fassung ihres Antrags auf Förderung des Vorhabens ``Ein Verteiltes Informationssystem für die Mathematik'' Ende April 1995 fertiggestellt, an alle Fachbereiche und viele interessierte Personen verschickt. Das Vorhaben wurde der KMathF am 27. Mai 1995 vorgestellt und von den Fachbereichsvertretern mit 46 Ja-Stimmen, 13 Enthaltungen und ohne Gegenstimme unterstützt.

Derzeit (Stand 15. Juni 1995) arbeiten die Vertreter aller Fachgesellschaften am Feinschliff ihrer Anträge. Die nächste Sitzung der gemeinsamen IuK-Kommission ist am 19.6. in Osnabrück (während des Abschluß-Workshops des laufenden Fachinformationsvorhabens der DMV). Hier sollen die Anträge der DMV und der GI diskutiert und aufeinander abgestimmt werden, und es soll ein ``Dachantrag'' an den BMBF zur Förderung der gemeinsamen Aktivitäten verabschiedet werden. Alle Fachgesellschaften legen Wert darauf, die übrigen Gesellschaften über ihre Pläne zu informieren und im Konsens mit ihnen zu handeln.

Der DMV-Antrag wird dann bei der Sitzung des DMV-Präsidiums am 24.6. in seine endgültige Form gebracht und danach beim BMBF eingereicht. Die jeweils aktuelle Version der Vorhabenbeschreibung können Sie von mir, falls Sie Interesse haben, per Email (groetschel@zib-berlin.de) erhalten.

Die gemeinsamen (durch die Kooperationsvereinbarung geregelten) Aktivitäten von DMV, DPG, GDCh und GI haben viel Interesse erweckt, aber auch unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Mehrere andere wissenschaftliche Gesellschaften haben bereits signalisiert, daß sie über die Entwicklungen informiert werden möchten und daß sie über einen Beitritt zu dieser Kooperationsvereinbarung nachdenken. Viele Vertreter wissenschaftlicher Bibliotheken sehen durch das ``Eindringen'' der Fachgesellschaften in die Publikationslandschaft eine Chance, die Kostenexplosion in der Literaturversorgung einzudämmen. Vertreter des traditionellen Publikationswesens fürchten sich dagegen eher vor dem Auftreten dieser neuen Allianz, die immerhin gemeinsam fast 100000 Wissenschaftler vertritt. Die Zukunft wird zeigen, wohin sich das Publikationswesen durch die neuen Möglichkeiten der Elektronik entwickeln wird. Vorhersagen sind schwer, aber die Wissenschaftler müssen jetzt Flagge zeigen, um den Kurs mitbestimmen zu können.




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Mon Jan 27 13:06:21 NFT 1997